Mein toter freund, wir müssen reden

Vor zehn Jahren hat sich mein bester Freund erschossen. Ich habe mir lange eingeredet, dass ich nichts daran hätte ändern können. Das war nicht ganz richtig. Eine überfällige Aussprache.

Rebecca lebt noch immer in Linz. Sie ist Kleinunternehmerin und entwickelt eine IT-Software für ansäßige Firmen. Angelika hat geheiratet und Zwillinge bekommen. Buben, wenigstens einer von beiden   raubt ihr Nacht für Nacht den Schlaf. Mit Diana habe ich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder telefoniert. Sie hat ihre Dissertation geschrieben und arbeitet jetzt an der Uni. Matthias sitzt für die Grünen im Parlament. Er wird bald Papa. Und ich? Schon lange in Wien. Stimmung zwischen Walk on the wild side und Lacrimosa, wenn ich an dich denke. Viel Mozart in letzter Zeit. Das ist besser zum Nachdenken.

Die Leute sind komisch geworden, Johann. Ich auch. Wir haben Online-Profile mit bunten Bildern angelegt und uns dahinter verkrochen. Wenn wer was zu erzählen hat, erfährt es gleich die halbe Welt. Unsere Handys sind kleine Computer, andauernd mit dem Internet verbunden und  aus dem Weltall auf den Zentimeter genau zu bestimmen. Wir werden berechenbarer und leidenschaftsloser. 

Zehn Jahre. Du würdest die Welt nicht wiedererkennen. Im weißen Haus regiert ein schwarzer Präsident. In vielen Ländern können Männer Männer heiraten und Frauen Frauen. In Kalifornien darf man legal Marihuana rauchen. Aber alle paar Wochen sprengen Jihadisten etwas in die Luft. Die Leute haben Angst und regen sich nicht mehr auf, wenn Politiker ihre Freiheiten einschränken. Jörg Haider ist bei einem Autounfall gestorben. Alexander Van der Bellen wird vielleicht Bundespräsident. HC Strache womöglich Bundeskanzler. Alles ziemlich kompliziert.

Ich frage mich, wie du dich zurechtfinden würdest. Du wärst jetzt 41. Deine Stimme in meinem Kopf wird leiser. Es wird Zeit, wir müssen etwas klären. Unter Freunden.

Wie war das? Deine Hand am Revolver. Einatmen, ausatmen. War da bloß Stille im Wald? Oder ein Rascheln im Unterholz, ein Lebenszeichen? Verkehrslärm, Gesprächsfetzen? Wie lange hast du gezögert? Sekunden, Minuten, Stunden? Hast du dich an ein dir selbst gegebenes Versprechen gebunden gefühlt? Hat es sich richtig angefühlt? War es am Ende dein freier Wille? Ich denke nicht.

An deinem offenen Grab habe ich dich verteidigt, als alle sauer auf dich waren. Hinter einem Freund steht man. Man glaubt ihm, dass er weiß, was er tut. Aber etwas in mir hat die Brüche gesehen. Etwas in mir wusste, dass ich dir hätte widersprechen sollen. Dass ich es dir als Freund nicht hätte durchgehen lassen müssen. Sag jetzt nichts.

Du warst nicht der Einzige, der dauernd Dinge in den Sand gesetzt und  sich dafür verachtet hat. Ein Jahr vor deinem Tod bin ich an einem Roman gescheitert. Ich habe es keinem erzählt, auch dir nicht.

Jakob, der Protagonist, kommt über den Selbstmord seines Freundes nicht hinweg. Der würde vielleicht noch leben, hätte Jakob ihm Geld geborgt, um Schulden zu begleichen. Keine Stunde ehe der Freund sich vor eine U-Bahn warf, hatte er Jakob darum gebeten. Aber Jakob lehnte ab. Nun weigert er sich, den Tod zu akzeptieren. Er klammert sich an die Idee, dass alles bloß ein raffiniertes Spiel war, um den Gläubigern zu entwischen. Er weint nicht um den toten Freund und sucht den Frieden mit sich selbst. Er erklärt sich den Krieg.

Jakob verlässt Frau und Tochter. Er steigt in ein Flugzeug und macht sich auf die Suche nach dem Freund. Dabei sucht er in Wahrheit nur nach einem Schmerz, der ebenso tief ist wie jener, den er sich versagt. Jakob will die verbotene Trauer ersetzen. Er vergewaltigt seine Gefühle.

In einer U-Bahn-Station in Rom glaubt er, ihn gefunden zu haben. Oder ist es ein Fremder, der Jakob aus einer Laune heraus anblickt und lächelt? Ehe er den Mann ansprechen kann, ist der über eine Rolltreppe verschwunden, die Großstadt verschluckt ihn. Der Wahnsinn geht weiter. Jakobs Suche verliert jede Logik. Er stürzt sich in Drogen und schnellen Sex. Wonach er Ausschau hält, könnte er längst nicht mehr sagen. Schließlich kehrt Jakob zurück nach Österreich. Er weiß nun, was er gesucht hat: den Tod. Im Krankenhaus erscheint ihm der verlorene Freund. Der Tod, das muss ein Wiener sein.

Ich bin nicht Jakob. Aber auch ich habe verdrängt und mir das Weinen um dich untersagt. Auch ich habe wirre Überlegungen angestellt. Dass du dich elegant aus dem Staub gemacht haben könntest und in einem fernen Land jenes Leben führst, von dem du geträumt hast. Dass alles bloß ein Spiel war. Auch ich habe geglaubt, dich an Straßenkreuzungen zu erkennen und wildfremden Männern zugeblinzelt: „Ich wusste es, Johann. Dein Geheimnis ist sicher bei mir.“

Auch ich habe unerfüllte Trauer in mir gespürt und meine Empfindungen misstrauisch hinterfragt. In Ruanda stand ich vor hunderten Totenschädeln, zerhackt von Macheten, aufgestapelt in einem Regal wie Marmeladegläser. Ich fiel vor den Toten auf die Knie. Wenig später meldete sich ein innerer Zensor. „War das Grauen echt?“, fragte er. „Oder nur selbstgefälliger Schauer?“ Es war echt. Man darf seinen Gefühlen trauen. Ich habe neulich von dir geträumt und bin schluchzend aufgewacht. Es hat gutgetan.

Die Geschichte war lausig geschrieben und voller Konstruktionsfehler. Aber sie war prophetisch. Denn, und das ist der Punkt: Als ich daran arbeitete, ahnte ich, dass du der tote Freund bist. Ich habe ihm in meiner Fantasie dein Gesicht, dein melancholisches Lachen, deine Stimme gegeben. Etwas in mir war frühzeitig im Bilde. Ich habe lange vor deinem Tod geahnt, dass du auf der Kippe stehst. Ich wollte es nur nicht wahrhaben. Daher konnte ich deinen Tod als freie Entscheidung akzeptieren. Ich habe mich wie Jakob vor der Wahrheit gedrückt. Dass ich nicht ernsthaft versucht habe, dir zu helfen.

Ich weiß nicht mehr, wo auf der Uni wir uns zum ersten Mal über den Weg gelaufen sind. Wir haben uns binnen kürzester Zeit blind verstanden. Ich habe mich wie dein größerer Bruder gefühlt, obwohl du fünf Jahre älter warst. Ich war der Lautere, Gesprächigere von uns beiden. Auch der Zornigere. Du warst nachsichtiger. Bloß nicht mit dir selbst.

Einmal sind wir übers Wochenende zum Ferienhaus meiner Eltern gefahren. Auf der Veranda hast du mir eine Flasche Johnny Walker als Gastgeschenk überreicht. Ich habe die Flasche zu Boden fallen lassen, wo sie in tausend Scherben zerbarst. Bei deinem nächsten Besuch hast du eine neue mitgebracht. 

Beide sind wir in kleinen Dörfern in Kärnten aufgewachsen. Kirche, Dorfwirt, Feuerwehrhaus. Was nicht passend war, wurde passend gemacht. Die Buben konnten ungestraft „Heil Hitler“ oder „Ausländer raus“ auf Wände schmieren. Aber wehe, sie verliebten sich in das falsche Mädchen. Oder gar in einen anderen Buben. Sie färben sich die Haare grün. Wollten Dichter werden oder Rockmusiker. In der Jungfeuerwehr nicht in Reih und Glied mitmarschieren. Dann gab es Krach, Mütter weinten. Diese Disziplinierung sitzt ein Leben lang. Das ist die Perfidie katholischer Eltern: Wer nicht kuscht, fühlt sich schuldig. Die Waffe derer, die Gehorsam einfordern, ist ihre Verletzlichkeit. 

Ich habe getobt. Zigarette zwischen den Zähnen, Bierflasche in Hand, Camus in der Innentasche meiner Lederjacke. Hey Babe, take a walk on the wild side. Keine Kompromisse, wenn es um die Freiheit geht. Kein Mitleid.

Zu dieser Mitleidslosigkeit warst du nicht imstande. Und deine Eltern  waren extrem. Als du ihnen deine erste Verlobte vorstelltest, blickten sie traurig zu Boden. Du hast dich gefügt. Auch bei der nächsten. „Wehr dich“, habe ich gesagt. Aber dazu warst du wohl nicht in der Lage.

Ich habe gedacht, ich boxe dich irgendwie heraus. Ich habe geglaubt, es gibt kein Problem, das man nicht mit einem symbolischen Kinnhaken und ein paar Bier lösen kann. Das war ein Irrtum. Deinem Problem war mit Bier und flotten Sprüchen nicht beizukommen. Dein Problem war nicht das Offensichtliche. Sondern dass du – es tut weh, das zu sagen – krank warst. Dein Problem wäre vielleicht zu lösen gewesen, wenn ich versucht hätte, zu dir durchzudringen. Zu dem gesunden Teil in dir, der verrückt nach diesem gottverdammt geilen Leben war. Wenn ich dich an der Hand genommen hätte und mit dir zu wem gegangen wäre, der dir hätte helfen können. Mit aller Kraft, zu der ich imstande war. Leider kneifen Maulhelden oft ausgerechnet dann, wenn es wichtig wäre zu handeln.

Zwei Monate vor deinem Tod kam eine Ansichtskarte aus Paris: Da wolltest du schon seit Jahren hin, ins Café Les deux Magots, wo Hemingway einst Mojitos schlürfte. „Der Cappucino kostet sechs Euro“, stand darin. „Aber das ist es wert.“ Ich war verblüfft von deinem Lebenshunger. Bald darauf eine Karte aus Santiago de Compostela. Der Pilgerweg war ein lang gehegter Traum von dir. Einige Wochen später ein SMS um drei Uhr in der Nacht: „Du sollst wissen, wie viel mir an deiner Freundschaft liegt.“

Warum haben da nicht alle Alarmglocken bei mir geläutet? Ich habe am nächsten Tag etwas Belangloses zurückgeschrieben. Wir hatten uns schon lange nicht mehr gesehen und ich war neugierig. Ich wusste, dass dir dein Studium Sorgen bereitete. Du hattest seit vier Semestern keinen Kurs mehr abgeschlossen, aber deinen Eltern eine baldige Sponsion vorgegaukelt. Wir haben beide über deine missliche Lage gelacht. Ich wollte dir mein Cabrio zeigen, das ich mir von meinem ersten Gehalt als Journalist gekauft hatte. Ein schwarzer Rover 216i, Baujahr 1994. Ich wusste, dass du eine Schwäche für englische Autos hattest. Understatement gepaart mit Unzulänglichkeit: das gefiel dir.

„Cool“, stand in deinem Antwort-SMS. 

Wenige Tage später ein Anruf von dir, ich war in Eile.

„Ist es wichtig?“, fragte ich.

„Nein. Ich wollte nur Hallo sagen.“

„Treffen wir uns bald?“

 „Klar.“

Ein letztes Mal „Hallo“ sagtest du auch zu Rebecca, Diana, Angelika und Matthias. Keiner von uns schöpfte Verdacht. Wenige Stunden später warst du tot. Wir haben uns im Nachhinein zusammengereimt, dass dein Entschluss mindestens sechs Monate zuvor gefallen sein musste (nein, ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen). Du hast dich an dem Tag umgebracht, an dem deine angebliche Sponsion hätte stattfinden sollen. War das der Anlass? Hast du dein Leben beendet, weil du dein Studium nicht beenden konntest und Angst hattest, es deinen Eltern zu beichten? War es das? Nein, das ist kein Grund, sich zu erschießen.

Diana ist die Einzige von uns, die regelmäßig zu deinem Grab fährt. Sie hat mir erzählt, dass jemand Plastikblumen und Teddybären hingelegt hat. „Das wäre Johann nicht recht gewesen“, hat sie gesagt. Vermutlich nicht. Oder doch? Noch vor einigen Wochen wäre ich mir da sicher gewesen. Heute sehe ich das weniger streng. Weil es gut ist, wenn jemand an dich denkt und weil Stilfragen vergänglich sind. Wenn man tot ist, zählen wohl andere Dinge. Und ich sollte nicht urteilen, weil ich selbst nie mehr den Mumm hatte, dein Grab zu besuchen.

Es ist zehn Jahre her, seit ich zum ersten und letzten Mal auf diesem Friedhof vor der Bauernkirche stand. Die Enge des Kaffs drückte mir die Kehle zu. Trauergesänge aus einer anderen Zeit. Menschen vor deinem Grab, die behaupteten, dich besser zu kennen als ich. Ich habe widersprochen. Aber es stimmt wohl: Du warst nicht nur der, den ich kannte.

Ich habe mich schnell gefangen. Mit meinem Cabrio kurvte ich um den    Wörthersee, Wind im Gesicht. Ich fühlte mich wie ein Überlebender und   hatte den Wunsch, all das zu tun, was dir verwehrt geblieben war.

Ich erinnere mich: Ich habe die Faust geballt, als der Pfarrer von Sünde sprach. Dass Selbstmörder nach strenger Auslegung der Regeln das Recht auf ein christliches Begräbnis verwirkt hätten. Ich wollte ihn anbrüllen und ihm die obszönsten Worte an den Kopf werfen, die ich kenne. Aber dergleichen tut man nicht, nicht bei einem Begräbnis. Ich bin dann raus, eine rauchen.

Nach dem Begräbnis haben wir uns in einer Pizzeria getroffen. Wir haben uns geschworen, füreinander da zu sein, wenn es wem mal richtig mies geht. Die Wahrheit ist: Wir haben uns bald darauf aus den Augen verloren. 

Ich habe mich verdächtig schnell wieder gefangen. Es war Sommer und ich war verliebt. Mit meinem Cabrio kurvte ich um den Wörthersee, den Wind im Gesicht. Hey babe, take a walk on the wild side. Ich fühlte mich wie ein Überlebender und hatte den Wunsch, all die verrückten Dinge zu tun, die dir verwehrt blieben. Ich schäme mich dafür, mir einzugestehen, dass ich mich in diesem Sommer stark und unverwundbar fühlte.

Später habe ich eigenwillige Rituale entwickelt. Manchmal, wenn ich spät von einer Party nach Hause ging, habe ich mich mit dir unterhalten. Ich habe deine Lieblingsbiersorte getrunken, obwohl ich die nicht mochte. Ab und zu habe ich zwei Gläser bestellt und eines für dich stehen gelassen. Diese Schrullen habe ich längst abgelegt. Deine Stimme in meinem Kopf ist leiser geworden. Und doch war da noch etwas, das mir keine Ruhe gelassen hat.

Vor einiger Zeit ist mir eingefallen, dass sich dein Todestag jährt. Jubiläen bedeuten mir nicht viel, aber dieses eine schien mir wichtig zu sein. Ich habe die alte Runde durchtelefoniert. Ich wollte dann für mich selbst ein paar Zeilen notieren. Daraus ist dieser Brief entstanden. Es tut gut, ihn zu schreiben. Deine Christenfreunde haben  in einem Punkt Recht: Die Wahrheit befreit. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um mir einzugestehen, dass ich als Freund überfordert war.

Alleine in Österreich nehmen sich pro Jahr rund 1.300 Menschen das Leben. Manche sehen im Suizid eine souveräne Entscheidung. Ich nicht. Viel zu oft ist die Ursache eine psychische Erkrankung. Es gibt Hilfe. Umfangreiche Informationen für Betroffene und Angehörige finden sich zum Beispiel auf der Website der Journalistin und Autorin Saskia Jungnikl.

Eine Sache ist noch ausständig. Es wird Zeit, dein Grab zu besuchen. Wir haben bei unserem letzten Telefonat ein Treffen ausgemacht. Ich werde eine Flasche Johnny Walker neben die Plastikblumen und die Teddybären legen. Ich denke, du wirst den Stilbruch mögen. Oder würdest? 

Ich habe im Unterschied zu dir nie an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Ich glaube noch immer nicht daran. Aber während ich diese Zeilen schreibe, wünsche ich mir, dass ich falsch liege und du sie lesen kannst. Wenn das so ist, dann hoffe ich, dass es dir gut geht. Dass du nicht zu viel grübelst. Dass es im Jenseits Bier gibt und dass du im Tod weniger schwer an dir trägst als im Leben. Singt Lou Reed ab und zu da oben? Take a walk on the wild side, du hast nichts mehr zu verlieren. Ich denke an dich. Wolfi.