ungarns Staatsfeind nummer eins

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Einst kämpfte der Student Viktor Orbán gegen die kommunistische Diktatur, finanziert vom Milliardär George Soros. Heute ist Orbán Regierungschef. Und kämpft gegen Soros.

Eine Schattengestalt mit fiesem Grinsen, der die Entscheidungsträger in Brüssel wie Puppen dirigiert: So wird George Soros in einer TV-Kampagne der ungarischen Regierung dargestellt. Der 87-jährige Milliardär habe, so warnt eine Stimme aus dem Off, einen finsteren Plan: die Umsiedelung von Millionen Flüchtlingen nach Europa – und damit nach Ungarn. 

Verantwortlich für die Propagandaaktion ist Regierungschef Viktor Orbán. Der 54-Jährige trommelt seit Monaten gegen Soros, dessen Stiftung regierungskritische Organisationen in Ungarn unterstützt. Orbán schreckt vor dem Spiel mit glatten Unwahrheiten und Ressentiments nicht zurück. Für den starken Mann in Budapest ist der jüdische Weltbürger Soros das ideale Feindbild.

Erschienen in: NZZ am Sonntag, 1. Oktober 2017.

Das war nicht immer so. Einst waren die beiden Verbündete im Kampf gegen die kommunistische Unterdrückung. Als der Jungliberale Orbán immer nationaler politisierte, ging man einander aus dem Weg. Vor einigen Jahren reichte es noch für einen gemeinsamen Auftritt, bei dem man sich die Hand gab. Doch nun hat Orbán den endgültigen Bruch besiegelt. Sein populistisches Sperrfeuer richtet sich gegen jenen Mann, der seine Karriere ermöglicht hat. Mit Soros bekämpft er jene Werte, für die er einst selbst kämpfte. 

Brodeln im Gulaschkommunismus

Die Wege der beiden kreuzten sich Mitte der achtziger Jahre. Ungarn war Teil des Ostblocks, Staatschef János Kádár regierte das Land mit sanfter Faust. Das Klima war freier als anderswo hinter dem Eisernen Vorhang. Es war nicht schwer, sich das neueste Album der Rolling Stones zu organisieren oder auch die «New York Times». Ungarn galt als lustigste Baracke des sozialistischen Lagers. Keimzelle des kritischen Denkens war die juristische Fakultät der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest. In den Gesprächszirkeln war auch Viktor Orbán. Ein liberaler Heisssporn, dem Mitstudenten schon damals eine grosse Zukunft prophezeiten. «Ich war überzeugt, dass er es einst zum Premierminister schaffen wird», erzählt sein damaliger Freund Gabor Fodor.

Wie viele andere besuchte Orbán Fachkollegien abseits des regulären Universitätsbetriebes, wo regimekritische Gelehrte zu Wort kamen. Man rüttelte an Tabus. Oft ging es um die Rolle des Staatschefs bei der Niederschlagung des Aufstandes von 1956. Kádárs Vorgänger Imre Nagy hatte sich von Moskau losgesagt und eine Öffnung des Landes angekündigt. Moskaus Panzer machten dem ein blutiges Ende. Kádár stellte sich auf die Seite Moskaus und stürzte Nagy. Dieser wurde hingerichtet und galt offiziell als Verräter. Orbán gehörte zu jenen, die in Nagy einen Nationalhelden sahen.

Bald schlossen sich die aufmüpfigen Studenten mit einem Gleichgesinnten kurz: George Soros. Der gebürtige Budapester stieg stets in einem Nobelhotel am Donauufer ab. Er hatte als Jude den Holocaust mit Glück überlebt. Später studierte er an der London School of Economics bei Karl Popper. Dessen Vision einer liberalen, demokratischen Gesellschaft wollte Soros umsetzen, nachdem er durch Währungsspekulationen reich geworden war. Er begann damit in seiner Heimatstadt Budapest.

Die Soros-Stiftung finanzierte die Erforschung des Volksaufstandes von 1956. Dabei begegneten sich Soros und Orban erstmals 1984. Letzterer war Teil eines Studentenkollektivs namens Fidesz. Soros sagte den jungen Oppositionellen Unterstützung zu. Er sponserte Computer, eine Kopiermaschine, ein Faxgerät. Die Wochenzeitung «Die Zeit» beziffert die Höhe seiner Zuwendungen bis 1989 mit rund 450000 Euro pro Jahr. Viele der Studenten konnten dank Stipendien an westlichen Eliteuniversitäten studieren. Soros betonte, er sehe in ihnen die Zukunft Ungarns: eine weltoffene, junge Generation, deren Aufgabe es sei, die Demokratie aufzubauen. 

Hohle Hand beim Milliardär

Viele Fidesz-Politiker, die heute gegen Soros hetzen, pilgerten einst in sein Hotelzimmer, wo er Gäste empfing, die Geld brauchten. Man kannte sich. Auch Orbán pflegte Kontakt mit Soros. «Sie schätzten einander», sagt Fodor. Richtig warm seien sie miteinander aber nie geworden. Orbán sei Soros’ überhebliche Weltoffenheit fremd gewesen, erzählen andere Weggefährten. Dem jungen Mann vom Land – geboren in tristen Familienverhältnissen – sei die lockere Liberalität der Stadtmenschen schon damals zuwider gewesen.

Auch Orbán bekam 1989 ein Stipendium, er studierte in Oxford. Doch er kam vorzeitig zurück nach Ungarn, wo Umbruch in der Luft lag. In Polen fanden erste Wahlen statt, in Ungarn wurde die Forderung nach Rehabilitation Nagys lauter. Der todkranke Kádár konnte nicht verhindern, dass dessen Sarg in ein Ehrengrab überführt wurde. Festredner war Orbán, der mehr und mehr zum Sprecher des Fidesz-Kollektivs wurde. Er nutzte die Chance. In seiner Rede rechnete Orbán mit Moskau ab und forderte den Abzug der sowjetischen Truppen im Land. Damit wurde er auf einen Schlag berühmt. Ein halbes Jahr später war der Eiserne Vorhang Geschichte.

Aus Fidesz wurde eine Partei, die den Einzug in das Parlament schaffte. Orbán wurde zum Vorsitzenden gewählt. Nun stellte Soros seine Zuwendungen ein. Seine Regeln waren klar: Er unterstützte die Zivilgesellschaft, aber keine Partei. Noch aber lobte er die neue Kraft: «Soros betonte, dass er Fidesz für die beste Partei des Landes hält», sagt Fodor.

Das änderte sich 1994, als Orbán seine Partei scharf nach rechts drehte und mit nationalistischen Tönen den Nerv der Zeit traf. Vier Jahre später wurde er Premierminister.

Soros fuhr seine Aktivitäten in Ungarn zurück. Er fokussierte seine Zuwendungen auf die Central European University (CEU), eine Privatuniversität: liberal, weltoffen, multikulturell. Werte, von denen Orbán nichts mehr wissen wollte. Doch zum offenen Bruch zwischen dem Politiker und seinem früheren Gönner kam es erst Anfang dieses Jahres. Orbán verschärfte seine Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik und identifizierte Soros, der für eine grosszügige Asylpolitik steht, als Feindbild. Neben persönlichen Attacken gegen Soros versuchte Orbán, mit willkürlichen Auflagen ausserdem die Schliessung der CEU zu erreichen. Während Monaten war das Weiterbestehen der Universität fraglich. Am Freitag wurde bekannt, dass es der CEU wider Erwarten gelungen ist, alle Auflagen zu erfüllen. Soros wird in Ungarn weiterhin für eine liberale Gesellschaft kämpfen.