busfahrt nach Visegrád

Die Regierungen von Budapest bis Warschau schimpfen gerne und viel über Flüchtlinge, Angela Merkel und Brüssel. Doch was denken die gewöhnlichen Bürger? Eine Busreise durch die Visegrad-Länder bringt erstaunliche Einsichten.

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Für Spätbucher klingen die Versprechungen der tschechischen Verkehrslinie Regiojet wie Hohn: Ledersitze, Touchscreenbildschirme, Bordservice? Von wegen. Wer keines der begehrten Billette im gelben Luxusbus mehr ergattert hat, muss mit der Holzklasse Vorlieb nehmen: ein klappriger, blauer Renault, der seine Jungfernfahrt wohl schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs absolviert hat. Auf der Autobahn von Wien nach Brünn schnauft die alte Kiste den hypermodernen Rücklichtern des gelben Leitbusses hinterher. Der Fahrer flucht häufig. Es ist nicht einfach, das Tempo zu halten, wenn man viel weniger PS unter der Haube hat.

Erschienen: NZZ am Sonntag, 6.1.2018

Brünn ist die erste Etappe einer Busreise durch den nahen Osten der EU: Tschechien, Polen, Slowakei und Ungarn. Das Ziel ist Visegrad – eine Kleinstadt nördlich von Budapest, die in den letzten Jahren zum Symbol für den Zusammenschluss der vier Länder gegenüber der liberalen europäischen Flüchtlingspolitik geworden ist. Die Visegrad-Staaten stemmen sich gegen die vor allem von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel vorangetriebene gesamteuropäische Lösung. Sie verstehen sich als rechtes Bollwerk gegenüber dem Rest der EU. In Polen und Ungarn regieren zudem Parteien, die schrittweise den Rechtsstaat beschneiden und repressiv gegen unabhängige Medien und Oppositionelle vorgehen. Der Visegrád-Block schottet sich zunehmend ab und droht zum Spaltpilz für die gemeinsamen europäischen Werte zu werden. Offensichtlich wurde dies im Dezember, als Brüssel ein Verfahren gegen Warschau einleitete, an dessen Ende theoretisch die Suspendierung der EU-Mitgliedsrechte Polens steht.

Doch wie sehen das die einfachen Bürger? Teilen sie die Ressentiments ihrer Regierungschefs? Das herauszufinden ist das Ziel einer Reise quer durch die vier Länder – im Bus, dem beliebtesten öffentlichen Verkehrsmittel im Osten. Nach zwei Stunden ist die erste Etappe erreicht: Brünn ist mit 380 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Tschechiens. Es ist weniger herausgeputzt als die von Touristen überrannte Hauptstadt Prag. Die Trams sind hier älter, auf den Trottoirs liegt mehr Schmutz. Doch auch Brno, wie der Ort auf tschechisch heisst, hat grossstädtisches Ambiente, mit einem mittelalterlichen Stadtkern im Schatten einer Burg.

Auf einem Parkplatz unweit des Bahnhofs steht ein junger Mann mit Schildkappe und nimmt einen Zug von seinem Joint. «Meine Freunde nennen mich Doktor», sagt er. Doktor? Eigentlich heisst er Roman, er ist 30 Jahre alt und Bäcker. Seinen Spitznamen hat er bekommen, weil er wegen eines genetischen Defekts auf starke Medikamente angewiesen ist. Um deren Nebenwirkungen zu dämpfen, raucht er Marihuana, was im liberalen Tschechien lediglich eine Ordnungswidrigkeit ist, wie falsches Parkieren.

Der polternde Präsident Milos Zeman sei ein alter Mann, dem der Alkohol das Hirn vernebelt habe. Vom neu gewählten, rechtspopulistischen Regierungschef Andrej Babis erwarte er auch nichts Gutes.

Roman hat Europa bereist: Liverpool, Zürich, München, Wien. Doch von der EU will er noch nie etwas gehört haben. Die Idee gefällt ihm. Mit Grenzen könne er nichts anfangen: «Für mich zählen nur die Menschen, egal woher sie kommen.» Roman ist überzeugt, dass die Technokraten in Brüssel ihre Sache besser machten als die Politiker in Prag. Der polternde Präsident Milos Zeman sei ein alter Mann, dem der Alkohol das Hirn vernebelt habe. Vom neu gewählten, rechtspopulistischen Regierungschef Andrej Babis erwarte er auch nichts Gutes. Wen er gewählt habe? «Keinen. Politik interessiert mich nicht.»

Der Doktor nimmt einen letzten Zug von seinem Joint und schnippt ihn unter einen parkenden Skoda. Es ist kalt, der beissende Wind treibt Schneeflocken durch das heruntergekommene Viertel. Er müsse jetzt gehen, sagt er. Das Gehalt als Bäcker ist schmal, er bessert es mit kleinen Gelegenheitsjobs auf. Grund zur Klage findet er dennoch nicht: «Das Leben in Brno ist gut, ich bin zufrieden».

Die nächste Station der Reise ist Ostrava an der polnischen Grenze. Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus dominierten in der Industriestadt Fabriksschlote, die Luftverschmutzung war hoch. Inzwischen hat sich Ostrava zur Universitäts- und Kulturstadt gemausert, die Fortgehmeile Stodolní ulice ist für ihre Bars und Klubs landesweit bekannt. Eine davon ist das Irish Pub Dublin, ein hippes Lokal mit lauter Popmusik und Mosaiken an der Wand. Von der Theke aus fixiert ein stämmiger Mann mit randloser Brille den unbekannten Besucher. Er ist neugierig und stellt sich vor: Martin, 38 Jahre alt, Ingenieur. Eigentlich würde er Tee trinken, aber zur Feier des Tages dürfe es auch Bier sein. Es bleibt nicht bei einem.

Ostrava entwickle sich gut, sagt Martin. Kein Vergleich zu früher, als sich sein Vater im Kohlebergbau die Gesundheit ruiniert habe und schliesslich früh verstarb. Was sich für Martin durch die Mitgliedschaft Tschechiens bei der Europäischen Union verändert habe? Er zeigt auf die Eingangstür, vor der einige Gäste zitternd an ihren Zigaretten ziehen. «Das Rauchverbot in Lokalen hat die EU durchgesetzt.» Dass die EU in Tschechien Reformen anstosse, sei eine gute Sache. «Ich fürchte aber, dass viele Tschechen von der Geschwindigkeit überfordert sind.» Übrig bleibe bei vielen ein Gefühl der Ohnmacht.

Früh am kommenden Morgen fährt der gelb-grüne Flixbus aus Deutschland Richtung Kattowitz, im Süden Polens. Viele Passagiere haben die Sitze nach hinten geklappt und schlafen. Eine kurze Funkstörung am Mobiltelefon, gefolgt von einem SMS des Anbieters zeigt den erfolgten Grenzübertritt an. Reine Formsache. Seit die EU die Roaminggebühren abgeschafft hat, können Unionsbürger auch im Ausland zum Heimattarif telefonieren.

„Die korrupten Politiker haben
leichtes Spiel mit den Leuten“

Nach eineinhalb Stunden kommt der Bus in Kattowitz an, einer 300 000 Einwohner zählenden Grenzstadt. Es ist bitterkalt, immer wieder setzt Schneefall ein. Ein Gastarbeiter in der Wartehalle am Busbahnhof stellt sich als Janosch vor. Er spricht Deutsch und lacht viel. Janosch lebt seit 25 Jahren in Köln, nun besucht er seine betagten Eltern. Mit seinen Landsleuten geht er hart zu Gericht: Stur seien sie und uninformiert: «Deswegen haben die korrupten Politiker leichtes Spiel mit ihnen.» Dabei hätten gerade die einfachen Menschen allen Grund, ihre Regierung zu verteufeln. «Ein Arbeiter in Kattowitz muss jeden zweiten Tag zwölf Stunden arbeiten und verdient 2000 Zloty brutto.» Umgerechnet 550 Franken, das ist auch in Polen nicht viel Geld.

© Ewa Klejnot

Kattowitz ist eine Zwischenstation nach Tschenstochau, dem wichtigsten Marienwallfahrtsort Polens. Der Regionalbus dorthin fährt drei Minuten zu früh los. «Laufen Sie ihm nach», sagt jemand. Tatsächlich bleibt der Chauffeur mitten auf der Kreuzung stehen, um den Passagier noch an Bord zu lassen. Dass hinter ihm Autos hupen, schert ihn nicht. «Es ist gut», sagt er, während er das Ticket ausdruckt. Von der Halterung des Rückspiegels baumelt ein Kreuz, hinter die Sonnenblende hat er ein Jesusbild geklemmt.

Die Verkäuferinnen im Souvenirshop des klosters heben gelangweilt den Kopf. Im Radio läuft ausgerechnet Madonna, die andere: «Like a Virgin».

Der alte Bus kämpft sich eine halbe Stunde durch die Ausfahrtsstrasse von Kattowitz, vorbei an Plattenbauten und einem geschlossenen Schwimmbad. Vier Stunden dauert die Fahrt ins 70 Kilometer entfernte Tschenstochau. Immer wieder steigen Nonnen mit Rosenkränzen zwischen den Fingern zu.Der alte Bus kämpft sich eine halbe Stunde durch die Ausfahrtsstrasse von Kattowitz, vorbei an Plattenbauten und einem geschlossenen Schwimmbad. Vier Stunden dauert die Fahrt ins 70 Kilometer entfernte Tschenstochau. Immer wieder steigen Nonnen mit Rosenkränzen zwischen den Fingern zu.

Die schwarze Madonna

Tschenstochau ist eine glanzlose Stadt, geprägt von kommunistischen Zweckbauten. Dass jährlich hunderttausende Gläubige nach dorthin pilgern, liegt an dem auf einem Hügel gelegenen Kloster Jasna Gora, in dem die Ikone der Schwarzen Madonna aufbewahrt wird. Der Legende nach ist das Bild 1500 Jahre alt. Im 17. Jahrhundert soll es das Kloster vor einem Angriff schwedischer Heere bewahrt haben. Seither gilt die schwarze Madonna als «Königin Polens».

Polen ist das katholischste Land Europas. Nirgendwo ist der Einfluss der Kirche auf Gesellschaft und Politik so gross – und die Auslegung des Glaubens so streng. Dass die rechtspopulistische Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) vor zwei Jahren die Wahlen gewonnen hat, verdankt sie auch den Wahlempfehlungen von Bischöfen und Priestern, die von der Kanzel aus gegen Abtreibung, Homosexualität und den liberalen Sündenpfuhl Brüssel wettern. Jasna Gora ist das geistige Zentrum der polnischen Kirche. Wie einst vor den schwedischen Soldaten soll die Schwarze Madonna ihrer Landsleute nun vor den moralischen Verwerfungen des Zeitgeists beschützen. Aus einer Kirche überträgt ein Lautsprecher die Predigt – so laut, dass man sie noch vor den Spiellokalen auf der gegenüberliegenden Strassenseite hören kann.

Der Weg zum Kloster Jasna Gora führt durch einen weitläufigen Park. Es soll Pilger geben, die den Aufstieg knieend bewältigen. An diesem kalten Wintertag ist hier freilich wenig los. Die Verkäuferinnen im Souvenirshop heben gelangweilt den Kopf, als der Besucher eintritt. Im Radio läuft ausgerechnet Madonna, die andere: «Like a Virgin». Verkauft werden neben Nippes auch aufwendige, goldgerahmte Porträts von Karol Wojtyla, der als Papst Johannes Paul II Jasna Gora regelmässig besucht hat. Versteckt am Rand findet sich ein einziges Bild vom aktuellen Papst Franziskus, mit dessen liberaler Haltung viele strenggläubige Polen hadern.

Am weitläufigen Klosterareal macht ein greiser Pater in schwarzer Kluft die Runde. Er mustert den Besucher grimmig und erwidert den Gruss nicht. Dass sei kein Wunder, erklärt später eine junge Frau, die rauchend vor einem Infopoint für Touristen steht. «Priester sind hier Respektspersonen.»

Solche Aussagen kann die Kellnerin in der Bar am Fusse des Berges nicht mehr hören. Die junge Frau in Rastalocken macht gelangweilt Kaffee, während sie mit ihrem Freund telefoniert. Dann legt sie los: Die Arroganz der Priester sei unerträglich: «Ich kann sie nicht mehr sehen.» Was sie von der Regierung in Warschau halte? Sie steckt den Finger in den Mund, um Übelkeit anzudeuten.

Flüchtlinge? Nicht unser Problem.

Am Abend geht die Reise weiter nach Krakau, der zweitgrössten Stadt des Landes. Eine Metropole mit riesigen Leuchtreklamen, die für ein Sex-Museum werben, modernen Strassenbahnen und vielen Bars. Der Routenplaner am Handy schlägt Uber als günstigstes Verkehrsmittel vor. Doch der Weg vom Bahnhof in die belebte Innenstadt ist nicht weit und problemlos zu Fuss zu bewältigen. Im Zentrum lockt ein Kaffeehaus mit vielen Büchern, das Café Phil. Hinter der Theke steht Jan, ein 21-jähriger Medizinstudent. Er kommt gerade von einem Kurztrip nach Barcelona zurück. Demnächst möchte er über das EU-Stipendienprogramm Erasmus im europäischen Ausland studieren. «Das ist das Gute an der EU», sagt Jan. Und das Schlechte? «Brüssel will Europa zu einem einzigen Unternehmen machen», klagt der junge Mann. Das zeige sich an der Flüchtlingspolitik: «Die EU muss aber akzeptieren, dass 60 Prozent der Polen keine Flüchtlinge im Land haben wollen.» Auch er, Jan, zähle sich zu dieser Mehrheit: «Wir haben kein Geld dafür. Die Flüchtlinge sollen in Länder gehen, die sie aufnehmen wollen. Das ist nicht unser Problem.»

Als der Eiserne Vorhang fiel, war Jan noch gar nicht auf der Welt. Er kennt die Zeit der kommunistischen Diktatur nur aus Erzählungen. Selbst an die Zeit vor 2004, als Polen noch nicht in der EU war, hat er kaum Erinnerungen. Der Student sieht sich als Teil einer neuen Generation, die sich gleichermassen als Europäer wie auch als nationalbewusste Polen begreift. Wem er bei der Wahl seine Stimme gegeben hat, verrät Jan nicht. Nur so viel: «Wir brauchen eine starke Regierung, hinter der sich das ganze Volk versammelt.»

Von Krakau geht es mit dem Bus weiter nach Bratislava, der slowakischen Hauptstadt. Die Slowakei ist das kleinste Visegrad-Land und zugleich das schwächste Glied im Block gegen Brüssel. Im Parlament stellt die sozialdemokratische Partei von Regierungschef Robert Fico die Mehrheit, er führt eine breite Koalition mit Christdemokraten, Liberalen und der rechtspopulistischen «Nationalpartei» an. Als einziges Visegrad-Land hat die Slowakei den Euro eingeführt. Die Regierung trägt den asylkritischen Kurs der Nachbarländer zwar mit, ist aber um ein gutes Verhältnis mit Brüssel bemüht.

In der Bahnhofswartehalle macht ein Student mit Wuschelhaaren bereitwillig Platz. Daniel heisst er, 22 Jahre, sein Jus-Studium neigt sich bald dem Ende zu. Nun will er die Feiertage zu Hause bei seinen Eltern verbringen. «Die EU ist unsere einzige Chance», sagt er. Dann verbessert er sich: «Es ist die einzige Chance für unsere Landsleute.» Denn sobald er sein Studium beendet hat, will er die Slowakei verlassen – Richtung Österreich oder Deutschland. Für Daniel hat der Westen nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

Schliesslich geht es mangels Busverbindungen mit dem Zug weiter Richtung Visegrad. Im Grenzstädtchen Szob steigt Elisabeth zu, eine fünfzigjährige Frau, die jünger aussieht. Sie hat eine Freundin besucht und macht sich nun wieder auf den Weg nach Budapest. Elisabeth spricht fliessend Deutsch. Wie viele Ungarinnen pendelt sie regelmässig nach Wien, wo sie als 24-Stunden-Pflegerin für eine alleinstehende ältere Dame arbeitet.

Elisabeth verfolgt die Nachrichten in Österreich und Ungarn gleichermassen. Wenn die Medien in Wien den zunehmend autokratischen Regierungsstil des ungarischen Regierungschefs Viktor Orban geisseln, dann kann sie das verstehen. Sie sagt: «Ich habe Mitgefühl mit Flüchtlingen. Aber ich kann auch verstehen, dass viele Ungarn ein Problem mit ihnen haben.» Sie fügt hinzu: «Was ist richtig? Ich weiss es nicht.»

Ich wüsste nicht, wen ich wählen sollte.

Elisabeth gehört zu jenen Ungarn, die im Frühjahr nicht zur Wahl gehen werden. Sie habe noch nie gewählt: «Ich wüsste nicht, wen.» Sie kenne sich ja zu wenig aus. Vielleicht, meint sie, sei das ein Erbe des Kommunismus, in dem die TV-Sender voll waren mit russischen Propagandafilmen gegen Deutschland. Die Vorurteile gegen Berlin sässen tief. Die nach der Wende enttäuschten Bürger würden sich zurücksehnen nach den Zeiten, als die Stimme Moskaus tonangebend war. Aus ihr spricht Ohnmacht und Unsicherheit angesichts der vielen unterschiedlichen Meinungen. Da sei sie wohl nicht die Einzige, meint Elisabeth.

Gegen den Westen, seit 1335

Mit Verspätung hält der Zug im ungarischen Nagymaros, einem kleinen Dorf am Donauufer, mit Blick auf die Burg von Visegrad. Eine Fähre bringt Passagiere und Fahrzeuge zur anderen Seite. Fünf Minuten oder eine Zigarettenlänge lang braucht der Fährmann für die Fahrt. Dass er sich vor der Abfahrt noch einen Schnaps genehmigt hat, merkt man nicht: Kurz bevor das Ufer erreicht ist, schubst das dieselbetriebene Schiff die Fähre leicht an. Präzise setzt sie am Ankerplatz auf.

Obwohl hier keine 2000 Menschen leben, hat Visegrad seit 18 Jahren das Stadtrecht. Diese Aufwertung kommt nicht von ungefähr. Schon im Mittelalter galt Visegrad als strategisch wichtiger Verteidigungsort. 1335 schlossen die Könige von Böhmen, Polen und Ungarn hier eine gemeinsame Front gegen die weiter westlich herrschenden Habsburger. Bald nach der Wende kamen die Staatschefs der damaligen Tschechoslowakei, Polen und Ungarn in Visegrad erneut zusammen, um eine gemeinsame Strategie für den EU- und Nato-Beitritt ihrer Länder zu entwerfen. 2004 traten dann alle vier der EU bei, im Rahmen der Osterweiterung. Das Visegrad-Bündnis verlor danach vorübergehend an Bedeutung. Doch die Flüchtlingskrise ab 2015 schmiedete die vier Länder erneut zusammen.

Die Trutzburg hoch über der Donau beherbergt ein Luxushotel, in dem Orban seine Amtskollegen regelmässig empfängt. Im Sommer ist Visegrad zudem ein beliebter Ausflugsort mit Bootsverleih und Kletterparks. Doch jetzt im Winter herrsche tote Hose, beklagt Lisa, die junge Kellnerin in einem Fischrestaurant. Sie habe noch keinen der Spitzenpolitiker je zu Gesicht bekommen. Auch Lisa geht nicht zur Wahl und sie wüsste auch nicht, was sie den Politikern sagen würde, sollten sie zu ihr Fisch essen kommen. Und dann sagt sie ebenfalls den Satz, der auf dieser Reise so oft gefallen ist: «Ich kenne mich zu wenig aus mit Politik.» Die junge Frau beschäftigen andere Probleme. Sie möchte die Stadt verlassen, findet aber anderswo keine Stelle. Für Lisa ist Visegrad kein Symbol für den Stolz der osteuropäischen Länder gegenüber Brüssel. «Visegrad steht für Provinz», sagt sie.