Es ist eine andere Welt möglich.

Der Dramatiker Robert Woelfl im Interview mit Patrícia Kurucz über Liebe als Rohstoff, Sprache als Utopie und Literatur als Droge.

Robert Wölfl © Andreas Ferchner

Ihnen war sehr früh bewusst, dass Sie Kunstschaffender sind.
Robert Woelfl: Ich wollte als Jugendlicher etwas anderes machen. Also gründete ich mit 16 eine Band, wie das viele in dem Alter machen. Und wenn man mal eine Punkband hat, ist es schwer, sich mit einer klassischen Karriere als Beamter oder bei der Bahn zu identifizieren. Dann lieber ein schlechter Schlagzeuger sein.

ZUR AUTORIN
PATRÍCIA KURUCZ WURDE 1978 IN BUDAPEST GEBOREN. SIE LEBT ALS DOLMETSCHERIN UND LEKTORIN IN WIEN. WWW.KURUCZ.AT

Das Gute am Punk ist ja, dass drei Akkorde genügen.
So ist es. Voraussetzung ist, dass man sein Instrument nicht beherrscht. Und das ist gut so. Unsere Band war grottenelend, aber wir hatten wahnsinnig viel Energie. Mit 18 habe ich Bildende-Kunst-Arbeiten gemacht, so kam ich auch zu den künstlerischen Studien. Der Weg war wie vorgezeichnet, weil ich einem schulischen Ideal nicht entsprochen habe.

Haben Sie Ihren Dialekt, falls Sie einen hatten, bewusst abgelegt?
Ja. Ich musste mich in der Sprache abnabeln. Die deutsche Schriftsprache war der Ort, an dem ich mich eher zuhause gefühlt habe als im Kärntner Dialekt. Sie war für mich das Exil.

Menschen können in der Fremdsprache manchmal Dinge beschreiben, die zu beschreiben ihnen in der Muttersprache nicht möglich ist. Fremdes, Fernes ermöglicht Nähe.
Ja. Vielleicht weil die Distanz erleichtert, sich von außen zu betrachten. In diesem Sinne ist Sprache eine immerwährende Utopie, aber eine, die einem leicht zur Verfügung steht.

Reden wir über Sprache als Utopie.
Ich denke, wenn wir von Utopien sprechen, meinen wir in erster Linie verschriftlichte Utopien. Jede Utopie muss in eine Sprache gebracht werden, weil sie ja kommuniziert werden muss oder will. Jede Sprache – ob literarische, bildliche, räumliche oder akustische – ist ein Vehikel, um unsere Vorstellung von einem anderen Zustand zu transportieren. Vielleicht ist ein Kennzeichen der Utopie, dass in der jeweiligen Formensprache gut kommuniziert werden kann, wie – verkürzt gesagt – die Gesellschaft oder die Welt aussehen sollte. Und in dieser Formensprache können Utopien und Dystopien gut funktionieren. Sie zu verwirklichen, ist ein anderes Problem, wie diverse gesellschaftliche Experimente zeigen. Jemand, der davon träumt und daran glaubt, dass gesellschaftliche Verhältnisse veränderbar sind, muss deshalb aufpassen, wenn er Vorschläge zur Veränderung macht. Dem Glauben, die Vorstellung werde auch in der Wirklichkeit so machbar sein können, sollte man genauso wenig verfallen wie jenem, dass man seinen Teil schon erfüllt habe, indem man das mal aufgeschrieben hat. Ich denke, dass viele Werke Vorschläge sind, wie die Welt anders sein könnte. Das muss gar nicht explizit sein. Jede Erzählung, jeder Roman, vor allem auch Theaterstücke sind Vorschläge, weil sie ein gesellschaftliches Missverhältnis aufzeigen. Indem sie Kritik üben, sagen sie bereits: anders könnte es besser sein. Sie sind also inhaltlich eine Utopie. Formale Aspekte betreffend ist ein Beispiel die Sprachkritik der Wiener Gruppe. Das Ausprobieren von experimentelleren Sprachformen ist eine Utopie, weil gesagt wird: Eine andere Sprache wäre möglich, um uns aller Trugbilder und Klischees zu entledigen, um einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit zu bekommen. Jede geglückte Literatur behauptet auch immer: Es ist eine andere Welt möglich. In diesem Sinn gibt es keinen unpolitischen Schriftsteller, denn sobald ein Text die Wohnung des Schriftstellers verlässt, ist er – gerade dann, wenn er formal glückt – auch eine Behauptung der Wirklichkeit gegenüber. Jeder Schriftsteller, Architekt, Filmemacher oder Musiker arbeitet also an irgendeiner Utopie.

Ihre Utopien sind literarisch.
Sprache ist etwas unglaublich Tolles, weil sie nie starr ist und auch nie erstarrt. Man muss nicht Hüter der Sprache sein und Angst haben, dass uns durch die Jugendsprache Kleist oder Shakespeare verloren geht. Überhaupt nicht. Wem der Jargon einer wie auch immer definierten Jugendsprache irgendwann zu eindimensional oder verkürzend ist, wird schon zu Kleist greifen. Durch Literatur wird man plötzlich hochgehoben. Literarische Sprache findet Tricks, Finessen, Zugänge und Perspektiven, die einem für einen Moment den Kopf aufmachen. Ich meine damit gar nicht einen Erkenntnisschritt. Man ist danach eigentlich nicht klüger, auch nicht reifer, vielleicht sieht man die Welt nicht einmal anders. Aber für mich ist dieser eine Moment wie Drogen ohne Kater. Man könnte sagen, Literatur ist wie Hochgefühl ohne Absacken danach.

In Ihrem Theaterstück „Ressource Liebe“ geht es um eine Frau, die sich in das Gebäude verliebt, in dem sie arbeitet. Diese Liebe ist nicht nur eine Behauptung, sondern ernst gemeint. Die Frau liebt das Bürogebäude mit Leib und Seele. Sie überlegt sogar, wie sie mit dem Gebäude schlafen kann.
Es ist eine Parabel darauf, dass wir vom Markt aufgefordert werden, alles an uns in den Verwertungszusammenhang der Ökonomie einzubringen, letzten Endes bis hin zu unserer Fähigkeit, zu lieben. Wir haben sicher ein Bedürfnis, uns zu verlieben, aber wir haben auch die Fähigkeit, uns zu verlieben. Jeder Mensch. Die Behauptung ist: Wenn es so weit geht, dass wir – um der Firma mehr Profit zu bringen, um unsere Karriere voranzutreiben – unser persönlichstes Selbst, also die Fähigkeit zu lieben, einbringen und in bare Münze verwandeln müssen – eine bare Münze, die nicht einmal uns zugutekommt, sondern unserer Firma –, wenn wir also aufgefordert werden, alles, was wir zu geben haben, in die Wirtschaftssphäre einzuspeisen, dann muss man sich doch den Kopf darüber zerbrechen, was uns bleibt. Wir könnten uns natürlich zufriedengeben mit der Auflösung in einem System, in dem wir gut funktionieren und das im Gegenzug für uns sorgt. Denn wenn wir alles einbringen, steigt der Wohlstand, und der steigende Wohlstand kommt uns und unseren Kindern wieder zugute. Wir füttern das System, das System füttert uns. Das ist in der Geschichte eine relativ neue Entwicklung, selbst wenn sie nicht plötzlich auftrat. Aber man muss sich doch fragen: Gibt es irgendwo einen Rest, etwas, das man früher ein Ich, ein Selbst genannt hat? Ein Etwas, das ohne Zweck leben darf, nicht verwertet werden muss. Etwas, das für sich sein kann. Ich denke, dass wir von Jahr zu Jahr mehr aufgefordert sind, darüber nachzudenken und dazu Position zu beziehen, denn was in den letzten Jahren zunehmend an Digitalisierung und in der Wirtschaft aufgetaucht ist, nimmt immer mehr von uns. Wir müssen uns irgendwie dazu verhalten. Sonst sind wir nur mehr Algorithmen, die gerade noch einem Zweck dienen.

Sie beschäftigen sich in Ihren Werken immer wieder mit dem Verhalten von Gefühlen, dem Menschlichen und Kunst im ökonomischen Rahmen. Spricht das nicht auch von Romantik, beschreiben Sie damit nicht auch eine Sehnsucht nach etwas Besonderem?
Vielleicht. Heute lese ich am Cover der Zeitung: Black Friday, Shoppingtag. Ich werde aufgefordert, shoppen zu gehen. Ich habe aber gar keine Lust darauf. Dadurch bin ich ein schlechter Bürger, denn jeder, der nicht konsumiert, ist schuld, wenn die Wirtschaft nicht wächst. Das haben wir internalisiert. Natürlich kann Einkaufen Freude machen. Wenn ich aber dazu aufgefordert werde, 24 Stunden am Tag online zu shoppen, wo bleibt dann die Selbstbestimmung? Was tue ich von mir selbst aus und wer ist dieses Ich überhaupt, von dem ich noch ausgehen kann? Dieses Ich muss natürlich mehr sein als 24 Stunden shoppen. Muss mehr sein. In diesem Sinn gibt es eine Romantik. Aber Romantik ist ein sehr schwieriger Begriff, weil wir spätestens seit „Consuming the Romantic Utopia“ von Eva Illouz wissen, dass unsere Vorstellung von Romantik an ganz bestimmte Konsumartikel und Orte geknüpft ist.

Ist Liebe auch eine Utopie?
Je älter ich werde, desto mehr bin ich fasziniert von Liebe. Weil jeder Mensch zur Liebe fähig ist, und weil sie ein Élan vital ist. Selbst wenn Liebe in Beziehungen verletzt wird, wächst sie nach, bis ins Alter hinein. Sie ist wie ein Rohstoff, den man immer zu geben hat, der immer da ist und alles antreibt. Ich bin immer mehr verblüfft, dass alle Menschen darüber verfügen. Das ist nicht selbstverständlich. Über andere positive Dinge, zum Beispiel Güte, verfügen nicht alle. Aber Liebe … kann man so positiv einsetzen. Klar, sie kann auch besitzergreifend sein, zu Neid oder Eifersucht führen. Aber wenn sie einfach strömt, wenn sie gar nicht so objektgerichtet ist, dann ist das doch kolossal! In diesem Sinn ist Liebe eine Utopie. Aber ich glaube, das ist eine Utopie, die man jeden Tag verwirklichen kann.

Je älter ich werde, desto mehr bin ich fasziniert von Liebe. Weil jeder Mensch zur Liebe fähig ist, und weil sie ein Élan vital ist. Selbst wenn Liebe in Beziehungen verletzt wird, wächst sie nach, bis ins Alter hinein.

Robert WoeLFL

Und da ist auch das Mehr.
Die Sehnsucht nach dem Mehr ist uns noch nicht auszutreiben. Es gibt Menschen, die ein großes Potenzial haben, für andere Menschen da zu sein. „Karitas“ ist im klassischen Sinn: sich kümmern, Sorge haben um jemanden. Das sind Formen von Liebe, ohne die kein Gemeinwesen funktionieren würde. Es funktioniert auch kein Wirtschaftssystem ohne die vielen Menschen, die Dinge unentgeltlich, für karitative Zwecke tun – Dinge also, die aus dem ökonomischen Kreislauf eigentlich herausfallen. Die wirklich aus Liebe geschehen. In diesem Sinn glaube ich, dass Liebe eine Utopie ist. Aber eine lebbare. Und vielleicht ist das auch die Facette am Sozialismus, die gut lebbar ist. Man könnte sagen: Der bei jedem verwirklichte Sozialismus ist die Liebe. – Das macht es auch so perfid, wenn unsere Fähigkeit zur Liebe in das Wirtschaftssystem hineingezogen wird.

In Ihrem Hörspiel „Dunkle Geheimnisse kaufen Kunst“ wird die Echtheit eines Kunstwerks und auch die Notwendigkeit der Echtheit infrage gestellt. Können wir sagen, dass alles Generierte ursachenunabhängig echt ist, dass aus Illusion, dem Falschen und Gespielten Gefühle als echt erwachsen?
Ja, das glaube ich. Man kann durchaus sein Herz an eine Fälschung hängen, und auch Fälschungen können in uns wahre Gefühle auslösen.

Ist die Suche nach dem Echten illusorisch?
Da müssen wir auf den Begriff des Authentischen eingehen. Im Gegensatz zu unserer landläufigen Vorstellung von Authentizität ist nichts so authentisch wie das, was imitiert oder gefälscht wird. Authentizität ist etwas, das man herstellen kann. Ein Trick. Aber natürlich suchen wir immer das Echte, das Unverfälschte. Das ist uns vielleicht nicht auszutreiben. Aber es ist gut, wenn wir lernen, dass das Echte hergestellt werden kann, dass es vielleicht sogar noch echter ist, je besser es hergestellt wird. Ich glaube, wir müssen lernen, mit Illusion umzugehen.

Robert Woelfl, 1965 in Villach geboren, ist Schriftsteller und Dramatiker. Im Alter von 18 Jahren hat er Kärnten verlassen, um dem restriktiven politischen Klima zu entkommen und sich seiner Kunst zu widmen. Nach der Matura in Villach besuchte er zuerst das Mozarteum in Salzburg, wo er ein Jahr lang Bildhauerei studierte, und später die Meisterklasse für Freie Grafik bei Oswald Oberhuber an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Nach der Auseinandersetzung mit Videokunst und transmedialen Arbeiten konzentrierte sich Woelfl ab 1995 ganz auf die schriftstellerische Arbeit.

Für seine Theaterstücke erhielt er zahlreiche Preise, darunter den Reinhold-Lenz-Preis für neue Dramatik, den Autorenpreis der deutschsprachigen Theaterverlage und den Dramatikerpreis des Stadttheaters Klagenfurt. Seine Videoessays wurden mit dem Österreichischen Videokunstpreis ausgezeichnet. Robert Woelfl unterrichtet Szenisches Schreiben am Institut für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und leitet die österreichischen Hörspieltage.

Der Text erschien erstmals in der Brücke, dem Kulturmagazin des Landes Kärnten.