Matthias Strolz hämmert Politik im Technotakt ein

Matthias Strolz, einst Chef der österreichischen Liberalen bringt nun als Technomusiker seine Botschaften unter das Volk.

Das Flex am Wiener Donaukanal gehört zu den wilderen Musikclubs der Stadt. Gäste über 30 sind hier die Ausnahme, Bürgerliche ohnehin. Doch an diesem Samstagabend Mitte Oktober mischen sich viele Ältere unter das Publikum: Anzugträger mit grauen Schläfen, elegante Damen. Verlegen blicken sie auf die Bühne, wo ein DJ mit Arnold-Schwarzenegger-Maske Technobeats auflegt. Dann werden Sprechchöre laut: „Matthias! Matthias!“ Auftritt Matthias Strolz, ein schlanker Mann Mitte 40, bis vor wenigen Wochen Parteichef der liberalen NEOS. Strolz greift sich ein Mikrofon: „Es wird heiß und es wird laut“, ruft er in den vollen Saal.

Für NZZ am Sonntag, 20.10.2018

Als Strolz im September seine Abschiedsrede im Parlament hielt, erntete er stehenden Applaus. Der Unternehmensberater zählte zu den beliebtesten Politikern des Landes. Vor sieben Jahren hatte er NEOS gegründet, eine liberale Partei für ein Land, in dem bis dahin nur Konservative, Linke und Nationalisten das Sagen haben. NEOS schaffte es auf Anhieb in den Nationalrat. Das lag auch an Strolz, der mit frechen Sprüchen Missstände anprangerte: Parteienfilz, Steuergeldverschwendung, schlampiger Umgang mit dem Rechtsstaat. Doch dann kündigte er unerwartet seinen Rückzug an. Ausschlaggebend war kein Skandal, kein Murren der Parteifreunde. Er wollte mehr Zeit für seine Familie haben und sich nicht vom Politikbetrieb kaputt machen lassen.

Der Sohn einer Bergbauernfamilie war stets für Überraschungen gut. Erst heuerte er bei der ÖVP an, wo er Funktionäre in Rhetorik trainierte. Einer seiner Schüler war der heutige Kanzler Sebastian Kurz. Doch die Bürgerlichen waren ihm zu sehr Teil eines starren Systems, zu ideologisch verbohrt. Strolz wandte sich von der ÖVP ab und zog sich in den Wienerwald nahe der Bundeshauptstadt zurück – zum Meditieren. Bald darauf gründete er mit Gleichgesinnten NEOS, eine wirtschaftsliberale Partei auf deren Agenda viele grüne Anliegen stehen. Strolz wurde rasch zu einem populärsten Politiker des Landes. Auch, weil er keine Scheu hatte, sein Innerstes nach aussen zu tragen. Einmal veröffentlichte er ein selbstverfasstes Gedicht. Nicht über Politik, vielmehr eine Ode auf Kastanien: „Geborgen in Stacheln kamst du zur Reife. Du hast dich geöffnet, um Lebendigkeit zu geben“.

Geradezu Kultstatus erlangte er mit zwei Sätzen, gerichtet an die Gesundheitsministerin, die ein bereits beschlossenes Rauchverbot in Kaffeehäusern kippte: „Frau Minister, was ist mit Ihnen? Das ist nicht okay.“ Bald darauf tauchte im Internet ein Remix der Rede auf, vertont vom Technomusiker Kurt Razelli, einem mysteriösen DJ, dessen Identität niemand kennt. „Das ist nicht okay“, traf einen Nerv und wurde auf YouTube zum Hit. „Freunde haben mir den Link zugeschickt und ich fand es sympathisch“, sagt Strolz heute.

Fortan begleiteten ihn Razellis Remixes. Eines Tages erzählte ihm eine Mutter von einem Krach mit ihrem pubertierenden Sohn. Der Filius hielt ihr wortlos sein Handy unter die Nase und spielte den Strolz-Song: „Das ist nicht okay.“ Der Liberale erkannte die Wirkmacht der Musik: Razellis Musik schlug die Brücke vom Parlament zur jungen Generation, die mit Politik nicht viel am Hut hat. „Ein Lied bewirkt mehr als zehn Parlamentsreden“, sagt Strolz. Als ihm Razelli vorschlug, ein gemeinsames Album zu produzieren, sagte er sofort zu.

Die Stimmung im Flex ist am Kochen. Strolz ruft seine Botschaften ins Publikum. „Wo sind die, die Bildung für wichtig halten? Wo sind die Europäer?“ Eine Ansage an Sebastian Kurz, dessen Mitte-Rechts-Regierung Gelder für Schulen kürzt und sich an Brüssel reibt. In der ersten Reihe halten junge Männer mit nacktem Oberkörper eine Europafahne in die Höhe. „Make some noise. Yeah!“, ruft Strolz.

Das Musikprojekt ist für den Liberalen eine Art Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. „Ich sehe das als Chance, meine Anliegen in neue Zielgruppen zu tragen“, sagt Strolz. Binnen weniger Tage waren die Karten für das Konzert ausverkauft. In den kommenden Wochen werden neue Songs veröffentlicht. Dann will der Ex-Politiker entscheiden, ob er mit der Musik weitermacht. Doch zuvor will er sich eine Auszeit in Indien gönnen – zum Meditieren.