Wenn Priester fremdgehen

Studien zufolge leben 35 bis 50 Prozent aller katholischen Priester in einer Beziehung. Wie gehen sie damit um? Und was sagt die Kirche dazu?

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An einem Maitag vor 19 Jahren marschierte ein junger Mann Mitte dreißig in die bischöfliche Residenz in der Klagenfurter Mariannengasse. Herbert Richter (Name geändert) war Pfarrer in der Nähe von Villach und hatte den damaligen Oberhirten Egon Kapellari um einen Termin gebeten. Er wollte Schluss machen und seinen heiligen Bund mit der katholischen Kirche lösen. Ja, er habe gesündigt: Es gebe eine Frau an seiner Seite. Als Richter von seinem Entschluss berichtete, suchte er vergeblich nach menschlicher Regung im Gesicht des Bischofs. „Kapellari hat das zur Kenntnis genommen“, sagt er. Die Stimmung war unterkühlt, obwohl draußen die Frühlingssonne lachte. Gegen Ende des Gesprächs brachte Richter eine Bitte vor: Er würde gerne Religionslehrer bleiben. Daraufhin fiel die gefühlte Temperatur endgültig unter den Gefrierpunkt: „Wenn Sie das Priesteramt zurücklegen, gibt es auch keinen Religionsunterricht mehr“, erklärte der Kirchenchef. Richter habe seinen Schwur gebrochen und sei ein schlechtes Vorbild für Schulkinder. Das Gespräch war zu Ende, man hatte einander nichts mehr zu sagen.

„Bischof Alois schwarz war für priester im Zusammenhang mit der zölibatsverpflichtung erpressbar“

Engelbert Guggenberger

Kapellari ist längst Geschichte und auch sein Nachfolger Alois Schwarz amtiert seit einem halben Jahr nicht mehr in Klagenfurt sondern in St. Pölten. Es ist kein Geheimnis mehr, dass er auch deshalb strafversetzt wurde, weil er zu seiner Vertrauten Andrea Enzinger ein für Gottesmänner ungeziemliches Verhältnis pflegte. Kein Geringerer als Interims-Bischof Engelbert Guggenberger sprach aus, worüber bis dahin bloß geflüstert wurde: „Aufgrund seiner Lebensführung war Schwarz in seiner Amtsführung immer mehr beeinträchtigt, weil er für Priester im Zusammenhang mit der Zölibatsverpflichtung erpressbar war.“

Für: Kärntner Monat, Feber 2019

Der Satz schlug ein wie eine Bombe: Ist das priesterliche Keuschheitsgebot nur ein Marketingschmäh, an den sich nicht einmal die Oberhirten gebunden fühlen? Die Vorwürfe gegen Schwarz waren lange bekannt. Dennoch beließ es der Vatikan mit einer Versetzung. Kann man die Kirche noch ernst nehmen? Und was denkt sich jemand wie Herbert Richter, der die Priester-Gemeinschaft unehrenhaft verlassen musste, weil er nicht wie viele andere in einer Lüge leben wollte?

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Laut einer Befragung der Uni Wien haben mindestens 35 Prozent aller Pfarrer eine Freundin, andere Schätzungen gehen von 50 Prozent aus. Den Gläubigen ist es egal. Schon vor 20 Jahren erklärten 82 Prozent der Kirchengänger, dass sie sich verheiratete Priester wünschen würden. Es gibt sogar eine geheime Selbsthilfegruppe für Pfarrer, die ihre Beziehung offen leben. Ein Mitglied der Runde spricht anonym mit dem Kärntner Monat: „Ich kenne die betroffenen Kollegen als sehr menschennahe Seelsorger. Sie sehen sich zu beiden berufen: zur Beziehung und zum Dienst als Priester.“ Er selbst sei seit 15 Jahren dabei. „In den Gemeinden scheint das kein großes Problem zu sein, wenn man dazu steht.“ Pfarrer und Pfarrgemeinde teilen ein Geheimnis: Wenn die Obrigkeit davon Wind bekommt, gibt es Zores für den verliebten Geistlichen. Wer wie Richter das Zölibat ernst nimmt, muss gehen. Der Ex-Pfarrer will sich zur Causs Schwarz nicht äußern: „Es liegt mir fern, jemandem etwas ausrichten zu wollen.“

Richter haderte früh mit dem Zölibat. Mitte der Sechziger-Jahre wurde er in einer strenggläubigen Familie bei Klagenfurt geboren. Er studierte Theologie, besuchte ein Priesterseminar, mit 25 wurde er zum Pfarrer geweiht. „Ich war viel zu jung“, sagt er heute. Darüber, was das Zölibat mit einem macht, habe man ihn kaum aufgeklärt: „Was es bedeutet, um zwei Uhr früh angerufen zu werden, um eine Sterbende im Krankenhaus zu trösten. Man ist allein und hat keine Unterstützung“, erzählt er. „Ich habe gemerkt, dass ich es nicht schaffe, zölibatär zu leben.“

Ich glaube, dass viele Geistliche als jugendliche einen Knacks in ihrer sexuellen Entwicklung bekommen haben

Psychotherapeut und ex-Priester Michael Salvesberger

Es geht nicht nur um Sex. Aber eben auch. „Das ist für junge Priester ein großes Thema“, sagt der Psychotherapeut Michael Salvesberger. Auch er war einmal Pfarrer, hat den Beruf aber schon vor über 30 Jahren an den Nagel gehängt. Heute hilft er auch Geistlichen, die mit dem Zölibat hadern: „Ich glaube, dass viele von ihnen als Jugendliche in ihrer sexuellen Entwicklung einen Knacks bekommen haben“, sagt der Therapeut. Angst vor Frauen, unterdrückte Homosexualität, auch Missbrauchserfahrungen seien oft Triebfedern der Entscheidung, Priester zu werden. „Aber Sexualität ist eine zentrale Kraft, die man nicht ewig unterdrücken kann.“

In der Theorie sollten Pfarrer ihre Libido „sublimieren“. Soll heißen: Die sexuelle Energie soll in Gottesfürchtigkeit und Menschenliebe umgewandelt werden. In der Praxis gibt es Grauzonen. Dürfen sie onanieren? „Eigentlich nicht“, sagt ein Kirchengelehrter, der ungenannt bleiben möchte. „Aber es ist eine lässliche Sünde.“ Diese Grauzone gilt streng genommen auch für Sex. Wenn ein Pfarrer mit einer Frau schläft, ist das nicht viel mehr als ein außereheliches Abenteuer. Und dass es im Himmel leer wäre, wenn allen, die es damit nicht ganz päpstlich nehmen, der Eintritt verwehrt bliebe, weiß auch der Vatikan. Da ein katholischer Pfarrer mit Gott verheiratet ist, wird das als Seitensprung gewertet – wobei die weltlichen Handlungsbevollmächtigten des Herrn mehr Langmut beweisen als die meisten gehörnten Ehefrauen. Solange er es nicht an die große Glocke hängt, muss kein Pfarrer mit Konsequenzen rechnen.

„Es gibt ein gewisses Grundvertrauen“, sagt der zuständige kirchliche Ordinariatskanzler Jakob Ibounig. „Wir werden keinen Detektiv engagieren.“ Wenn ein Bruch des Zölibats offensichtlich sei, bemühe man sich um eine Lösung: „Das ist wie in einer Ehe. Wenn einer fremdgeht, ist das vielleicht reparabel.“ Bloß wenn ein Priester uneinsichtig sei, dränge man auf eine Klärung: „Nicht zuletzt im Interesse der Frau, damit sie nicht ewig Teil eines versteckten Lebens ist.“ Und ja, es gebe auch Priester mit Kindern. „Es stimmt aber nicht, dass die Kirche für die Alimente aufkommt. Die muss der Priester von seinem Gehalt zahlen.“

Der Kampf zwischen Liebe und Keuschheit, allegorisches Gemälde von Pietro Perugino

Mit dem Talar legte Richter auch seine Existenzgrundlage ab. Wenn Priester krank werden oder in Pension gehen, werden die Kosten aus der Kirchenkasse beglichen. Durch seinen Abgang verlor er aber nicht nur seinen Job als Religionslehrer, sondern auch sämtliche anderen Ansprüche. Ehemalige Priester können nicht zum AMS gehen, weil sie niemals Beiträge gezahlt haben. Am Ende sind sie abhängig vom Wohlwollen der Kirche, die ihnen in der Regel noch eine Zeitlang ein Gehalt überweist. Einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht: Wer im Unfrieden geht, kann finanziell ins Bodenlose fallen.

Richter nahm das Keuschheitsgelübde ernst. Als seine heutige Frau in sein Leben trat, hatte er schon Zweifel. „Ich erinnere mich an einen Allerheiligentag mit fünf Gräbersegnungen. Bei jeder sah ich Leute, die einmal im Jahr in die Kirche kamen und ihren neuen Herbstmantel ausführten. Ich fühlte mich wie eine Sakramentenmaschine.“ Damals sei ihm klar geworden, dass ein Priesterberuf für ihn keine Beziehung ersetzen könne. Bald darauf traf er sich mit einer Frau, die er schon länger mochte. „Ich habe mich dann wirklich verliebt.“ Als er sich auf das Gespräch mit dem Bischof vorbereitet, bekam er von ihr jene Unterstützung, nach der er sich jahrelang gesehnt hatte. Sie half ihm über die Zeit nach der Trennung von der Kirche. Richter verlegte seinen Wohnort von Villach nach Klagenfurt: „Ich brauchte eine räumliche Trennung.“

Doch der junge Ex-Priester hatte Glück: Wenige Monate nach dem Gespräch mit Kapellari konnte er eine weltliche Stelle antreten und einen Schlussstrich unter seine Zeit als Priester setzten. Heute ist er Mitglied des Pfarrgemeinderates und spielt bei Gottesdiensten die Orgel. Richter ist mit der Kirche im Reinen – auch wenn eines ganz anders sieht als die Dogmatiker im Vatikan: „In der Kirche gibt es nur Himmel oder Hölle, schwarz oder weiß. Aber ich glaube, dass der liebe Gott seine Geschichten in Grautönen zeichnet.“