Rückkehr eines verlorenen Sohnes

Samo Kobenter diente als Spitzenbeamter unter roten Kanzler. Als der Blaue HC Strache sein neuer Chef wurde, kam ihm ein Angebot seines alten Freundes Peter Kaiser gerade recht.

Samo Kobenter © Andy Wenzel / BKA

Dass die Nummer seines Diensthandys einst Harald Dobernig gehörte, macht Samo Kobenter kurz sprachlos. „Aha“, sagt er dann. „Wusste ich nicht.“ Wollte er womöglich auch gar nicht so genau wissen. Draußen, vor dem Fenster des Cafés Sandwirth spaziert seelenruhig Claudia Haider vorbei. Und in der kleinen Bibliothek des Extrazimmers, in dem der linksliberale Heimkehrer aus Wien über sein künftiges Leben sinniert, stapeln sich neben den Klassikern von Tolstoj und Hugo allerhand Bände mit Heimatschmonzetten. Kärnten bleibt Kärnten, auch wenn jetzt hier sein alter Kumpel Peter Kaiser das Sagen hat.

Für: Kärntner monat, märz 2019

Noch vor ein paar Jahren hätte es sich der Ex-Journalist und spätere Sektionschef kaum träumen lassen, wieder in seine Heimat zurückzukehren. Wäre da nicht der Kärntner Zungenschlag, könnte Kobenter als Paradebeispiel eines weltgewandeten Großstädters durchgehen: Intellektueller mit Taschentuch in der Brusttasche, der beim Reden gerne französische Wörter einwirft: Dass er als Beamter der Landesregierung die Handynummer des wegen Korruption verurteilten Ex-Freiheitlichen Dobernig übernommen hat, ist für ihn ein „interessantes Aperçu“ und auch manches andere in Kärnten hat für den Heimkehrer noch einen gewöhnungsbedürftigen „Hautgout“.

Dennoch ist er nach 40 Jahren Abwesenheit wieder auf den Geschmack gekommen: Dass Kobenter, einst Starjournalist beim STANDARD, später Spitzenbeamter in SPÖ-geführten Ministerien, jetzt zurück nach Kärnten kommt, habe nämlich wenig mit dem Machtwechsel in Wien zu tun. Beteuert er zumindest. Vielmehr sei er mit seinem letzten Chef, FPÖ-Vizekanzler HC Strache, bestens klar gekommen. Beide lieben Fußball und lachen gerne. Als Strache Kobenter erzählte, dass er früher rechtsaußen kickte, amüsierten sich beide prächtig darüber.

Der Hauptgrund für die Rückkehr sei vielmehr ein anderer gewesen: Mit zunehmenden Alter habe den heute 58-Jährigen Heimweh befallen. Er habe doch immer wieder an Kärnten denken müssen: an das Eishackeln am zugefrorenen Lendkanal, die Almwiesen der Großeltern im Gailtal, den jugendlichen Unfug am Wörthersee. „In den letzten Jahren habe ich meine Urlaube immer seltener im Ausland und immer öfter in Kärnten verbracht“, sagt Kobenter. „Früher wollte ich so weit wie möglich weg. Jetzt kann ich mir nicht vorstellen, mit meiner Frau irgendwo anders alt zu werde.“ Merk´s Auswanderer: Man kann Kärnten verlassen, aber Kärnten verlässt einen nicht.

Kobenters Rückkehr hat natürlich auch etwas mit der Gunst der Stunde zu tun. Konkret mit einem Angebot seines Jugendfreundes Peter Kaiser, den er kennt, seitdem die beiden vor der Schule verbotenerweise die eine oder andere Zigarette geraucht haben. Seither blieb man in losem Kontakt. Und als Kobenter vor einiger Zeit vorfühlte, ob sich für ihn in der alten Heimat womöglich ein Job finden ließe, fügte es sich, dass im Büro des Landeshauptmannes ein Posten frei wurde. Nun ist der Kärntner Slowene Kobenter Fachreferent für Volksgruppenfragen und besondere Kulturprojekte.

Den Vorwurf, dass er es sich gerichtet habe, kann man ihm kaum machen. Ein Sektionschef verdient laut Besoldungsschema des Bundes rund 9.000 brutto im Monat. Damit kann die Landesregierung nicht mithalten. Aber dafür sind die Lebenskosten geringer und die Luft besser. Er habe Wien leichten Herzens verlasse, erzählt Kobenter: „Man geht das letzte Mal ins Kunsthistorische Museum, das letzte Mal ins Museumsquartier, das letzte Mal auf den Naschmarkt. Aber es war ein Abschied ohne Sentimentalität, weil ich mich schon auf Kärnten gefreut habe.“

Dass der Freigeist jetzt wieder in Klagenfurt lebt, dürfte auch nach dem Geschmack Kaisers sein, der von einer Rückholaktion der verlorenen Söhne und Töchter Kärntens träumt und dazu ein „Carinthian Welcome Center“ einrichten ließ. In den letzten Jahrzehnten haben viele Persönlichkeiten Kärnten den Rücken gewandt: Nicht immer waren bessere Job ausschlaggebend. Viele gingen auch schweren Herzen, weil sie mit dem rechtspopulistischen Klima nicht einverstanden waren. Nun, da die Kärntner die früheren Machthaber abgewählt und den linken Populistenschreck Kaiser mit einer fast absoluten Mehrheit ausgestattet haben, möchten die Exilanten doch wieder zurückkommen. So stellt sich das zumindest der Landeshauptmann vor. Noch aber ist die Rückkehrquote überschaubar. Mit Kobenter wäre zumindest ein Anfang gemacht.

Tatsächlich sei Kärnten viel offener geworden, sagt dieser. „Vor allem bei den Jungen hat sich das Bewusstsein zum Kosmopolitischen hin verändert.“ Kein Vergleich zu früher, als die slowenische Volksgruppe um Gleichberechtigung kämpfen musste. Um sich zu behaupten, erzählt Kobenter, musste er einst besser Deutsch sprechen als alle anderen. Als er die Mittelschule besuchte, montierten Wutbürger zweisprachige Ortstafeln ab und terrorisierten slowenische Familien. Der rote Langzeitlandeshauptmann Leopold Wagner rühmte sich, einst bei der Hitlerjugend gewesen zu sein und hatte wenig Verständnis für die Anliegen der slowenischen Minderheit. Nachfolger Haider erst recht nicht.

So weit weg wie möglich

Da hatte sich Kobenter schon längst vom Acker gemacht, Richtung Wien. An dieser Entscheidung störte ihn allenfalls, dass Klagenfurt bloß dreieinhalb Autostunden entfernt war: „Hätte es in Prag ein gutes Germanistik-Institut gegeben, wäre ich dorthin gezogen. Ich wollte möglichst weit weg.“ Er machte seinen Doktor in Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Ende der 1980er-Jahre heuerte er beim neu gegründeten STANDARD an. Für einige Jahre kam er noch als Korrespondent nach Kärnten. Doch einen großen Teil der Zeit verbrachte er im zerfallenden Jugoslawien, wo ein blutiger Krieg wütete. Kobenter machte Interviews mit den Kriegsherren aller Seiten, er berichtete aus dem belagerten Sarajevo. Mitte der Neunzigerjahre übersiedelte er wieder nach Wien. Seine geschliffenen Kommentare zur Innenpolitik wurden zu einem Markenzeichen der lachsrosa Zeitung. „Ich wollte immer ein aufregendes Leben haben“, sagt Kobenter.

Aufregend sei es auch gewesen, 2007 den Journalistenjob an den Nagel zu hängen und als Beamter Karriere zu machen. Kobenter nahm das Angebot des damaligen Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer an, Chef des Bundespressedienstes zu werden, später machte er als Sektionschef im Sportministerium Karriere. Für viele Journalisten ist es undenkbar, die Seiten zu wechseln und plötzlich selbst im Mittelpunkt der Berichterstattung zu stehen. „Aber meine Neugier, etwas Neues zu machen, war einfach zu groß“. Nun ist Kobenter erneut gesprungen – und steht erneut am Ausgangspunkt seiner Reise. Diesmal ist er aber gekommen, um zu bleiben.