Ein Wald regt auf

Der Schweizer Künstler Klaus Littmann lässt in dem von Jörg Haider errichteten Klagenfurter Fussballstadion Bäume aufstellen. Dessen Erben finden das gar nicht lustig.

Klaus Littmann © Emmanuel Fradin

Als sich der Basler Konzeptkünstler Klaus Littmann vor einigen Wochen nach einem Mittagessen in seinem Lieblingslokal am Klagenfurter Benediktinermarkt auf den Weg in sein Büro machte, kam ihm ein junges Paar mit Kind entgegen. Ohne Vorwarnung rammte der Vater Littmann und stiess ihn vom Trottoir auf die Strasse. „Vaschwind mit deinem Scheißwald“, brüllte er dem Stolpernden nach.

Für NZZ am Sonntag, 10.8.2019

Der 67-jährige Littmann setzt in der Hauptstadt des südösterreichischen Bundeslandes Kärnten ein Mammutprojekt um, das wohlmeinende Kritiker bereits mit Christos Reichstagsverhüllung vergleichen. In diesen Tagen lässt der Künstler das Klagenfurter Fussballstadion mit 300 haushohen Bäumen bepflanzen. Sieben Wochen lang können Besucher bei freiem Eintritt auf den roten Zuschauerreihen Platz nehmen, um den Forst zu betrachten. Berühren verboten.

Die Kunstwelt blickt mit Interesse auf eine der grössten Installationen, die es im öffentlichen Raum je gab. Doch in Kärnten dominiert ein anderer Aspekt die Schlagzeilen. Wie durch ein Wunder schaffte der regionale Fussballklub WAC zuletzt den Einzug in die Europa League. Ausgerechnet im September wollten die Kärntner Kicker in ihrem eigenen Stadion ein internationales Match absolvieren. Doch im „Wörtherseestadion“ stehen dann Bäume.

„Es ist etwa so, als müsste der FC Basel ein Heimspiel in Zürich absolvieren“, sagt Littmann. Bloss hundert Mal schlimmer.

Der WAC muss für sein Match in das Nachbarbundesland Steiermark ausweichen – ausgerechnet. Zwischen den beiden Kantonen Kärnten und Steiermark gibt es eine nicht immer nur augenzwinkernde Rivalität. „Mostschädel“ nennen die Kärntner ihre steirischen Nachbarn und machen sich über deren Dialekt lustig, von dem sie sagen, dass er wie das Bellen eines Hundes klinge. „Es ist etwa so, als müsste der FC Basel ein Heimspiel in Zürich absolvieren“, sagt Littmann. Bloss hundert Mal schlimmer.

Für die Schmach wird der Schweizer Künstler verantwortlich gemacht. Von „Baumfrevel“ ist die Rede, aufgebrachte Fußballfans drohen damit, den Stadionwald mit Kettensägen abzuholzen. „Ich bin schockiert von diesen Reaktionen“, sagt Littmann. So etwas habe er noch nie erlebt. Die Verträge mit dem Stadionbetreiber wurden bereits vor drei Jahren unterschrieben. Damals habe niemand im Traum damit gerechnet, dass es der WAC in die Europa League schafft, nicht einmal der WAC selbst. Was könne er nun dafür?

© Gerhard Maurer

Littmann, gertenschlank, schlohweisses Haar, distinguiertes Auftreten setzt Installationen auf der ganzen Welt um, finanziell unterstützt von betuchten Mäzenen. Seit Jahresbeginn lebt er in einer Klagenfurter Villa aus der Jahrhundertwende, mit einem riesigen verwilderten Garten. Er nimmt auf einer Bierbank Platz, hinter ihm kreisen Libellen um einen beinahe ausgetrockneten Tümpel.

Peintner schuf die düstere Zukunftsvision einer Welt ohne Wälder, in der die letzten botanischen Reste in winzige Reservate gequetscht werden – wie Tiere in einem Zoo.

Dass seine Installation von vielen als Statement gegen den Klimawandel verstanden wird, gefällt ihm zwar gut. Geplant war es aber nicht so. Littmann ist ein Bewunderer des österreichischen Malers Max Peintner, der vor 50 Jahren eine inzwischen berühmte Bleistiftzeichnung mit dem Titel „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ geschaffen hat: Ein Stück Wald, um das ein Stadion errichtet wird. Peintner schuf die düstere Zukunftsvision einer Welt ohne Wälder, in der die letzten botanischen Reste in winzige Reservate gequetscht werden – wie Tiere in einem Zoo. Schon vor Jahrzehnten, erzählt Littmann, habe er Peintner von seinen Plänen erzählt, das Bild im Rahmen einer gigantischen Installation zum Leben zu erwecken. Dieser habe ihm damals gönnerhaft auf die Schultern geklopft: „Wenn Sie meinen, junger Mann.“

Die Sache liess Littmann keine Ruhe und er suchte hartnäckig nach einem geeigneten Ort. So erfuhr er vor einigen Jahren vom Klagenfurter Wörtherseestadion, das mehr als 30 000 Zuseher fasst und kaum bespielt wird. Gebaut wurde das Ungetüm vor der Europameisterschaft 2008, auf Anordnung des damaligen Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haider, dem ebenso schillernden wie skrupellosen Pionier des Rechtspopulismus. 100 Millionen Euro kostete es, errichtet für eine Handvoll Spiele errichtet und für eine mittelgrosse Stadt wie Klagenfurt vielfach überdimensioniert. Eines von zahllosen überteuerten, stets von heftigem Korruptionsgeruch umwehten Großprojekten Haiders, die Kärnten nach dessen Tod vor elf Jahren finanziell beinahe in den Ruin trieben. Abgesehen von einigen sporadischen Rockkonzerten steht das Stadion seither nutzlos herum – ein stählernes Symbol populistischer Grossmannsucht.

Claudia Haider ist ein Fan
des Stadionwaldes

Politisch hat sich der Wind längst in Kärnten gedreht, die Bevölkerung hat Haiders Erben schon vor sieben Jahren eindrucksvoll abgewählt. Peter Kaiser, ein bedächtiger Sozialdemokrat und deklarierter Unterstützer Littmanns, regiert mit beinahe absoluter Mehrheit, die rechtspopulistische FPÖ hat es bisher nicht mehr geschafft, Tritt zu fassen. Doch der Wald im Stadion gibt der Partei Auftrieb, die Populisten setzen sich an die Spitze des Aufstandes. Dabei geht es nicht nur um den WAC. Im waldreichen Kärnten gibt es wenig Verständnis für eine künstlerische Intervention gegen das Waldsterben. „Die FPÖ hat endlich wieder ein Thema“, sagt Littmann. Er ist überzeugt: Die Mobilisierung gelte weniger seinem Projekt als dem mächtigen Landeshauptmann Kaiser.

Der Künstler selbst hat hingegen Unterstützung von unerwarteter Seite bekommen. Claudia Haider, die Witwe des Populistenführers, hat Littmann ihre Bewunderung für sein kühnes Werk kundgetan. Womöglich hätte sogar ihr verstorbener Mann insgeheim seine Freude mit dem Wald im Stadion. Für gigantische Großprojekte war Jörg Haider stets zu haben.