Land lammfrommer spiessigkeit

Hygiene Austria LP / Mund-Nasen – Schutzmaskenproduktion / Werksbesuch BK Kurz, BM Anschober

die Österreicher fügen sich in das harte Regelwerk, das ihnen die Regierung auferlegt. In Corona-Zeiten hören sie auf die Obrigkeit.

Schau auf dich, schau auf mich»: Den Slogan der Bundesregierung zur Einhaltung der Kontaktsperren nahm der Bürgermeister des Dorfes Grossmürbisch in Südösterreich übergenau. Er rief seine Mitbürger dazu auf, Autofahrer mit ortsfremden Kennzeichen bei der Polizei zu melden. 

Als dieser Appell zum Denunzieren öffentlich wurde, hielt sich der Aufschrei in Grenzen. Ausgerechnet die Österreicher zeigen in Zeiten von Corona jene Obrigkeitshörigkeit, die sie vor allem an den Deutschen, den regeltreuen und humorlosen «Piefkes», so gerne bespötteln. Schummeln und Durchmogeln gehören in der Alpenrepublik zum guten Ton. Doch damit ist offenbar Schluss.

Für NZZ am Sonntag, 4. April 2020

Die Bevölkerung nimmt die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten stoisch hin. Über die vor drei Wochen, am 15. März, verhängten strengen Ausgangsbeschränkungen wird kaum diskutiert. Ebenso wenig über die Sinnhaftigkeit der ab Montag geltenden Schutzmaskenpflicht in Supermärkten. Auf Facebook und Twitter tauscht man vielmehr Tipps zur Herstellung von Gesichtsmasken aus alten Klamotten aus. Lammfromme Spiessigkeit hat sich in Österreich ausgebreitet. Lästige Fragen bleiben aus. 

Nirgendwo ist die Staatsgläubigkeit aber deutlicher geworden als beim Skandal von Ischgl. Der Tiroler Skiort war durch unverantwortliche Fahrlässigkeit zur europäischen Virenschleuder geworden. Hunderte Feriengäste steckten sich dort an und brachten die Seuche in ihre Heimatländer. Schon Anfang März alarmierten die Gesundheitsbehörden von Reykjavik ihre Kollegen in Wien. Trotzdem dauerte es zwei Wochen, ehe die Pisten und Après-Ski-Bars in Ischgl geschlossen wurden.

Kanzler Sebastian Kurz versucht den Skandal zu ignorieren. Fehler passierten überall, frühestens nach der Corona-Krise könne man über Konsequenzen reden, beschied er vergangene Woche bei einer der täglichen Pressekonferenzen. «Jetzt aber warne ich davor, dass wir den Blick auf das Wesentliche verlieren.» Damit war die Causa Ischgl gegessen, kein Journalist hakte nach. Etwa zur Rolle der mächtigen Tiroler Hotelierslobby «Adlerrunde», die Druck auf Politik und Behörden gemacht hatte, Skigebiete trotz Corona-Verseuchung offen zu halten. Die Hoteliers gehören zu den Grossspendern der konservativen ÖVP von Kurz. Noch im Februar posierte er mit Vertretern der Adlerrunde für ein Gruppenfoto. Darüber will er nun nicht mehr sprechen. 

Gemeinsam mit dem grünen Gesundheitsminister Rudolf Anschober setzt Kurz seit Beginn der Krise auf Dramatik: «Das Virus wird Krankheit, Leid und Tod für viele Menschen in unserem Land bedeuten», erklärte er in einem Interview, das fast in allen Zeitungen wortgleich erschien. Die Wiener Presse trägt die Kommunikationsstrategie der Regierung mit. In der Krise stellt sie Staatsräson über kritische Recherche. Es trifft sich, dass der im persönlichen Kontakt joviale Kurz mit vielen Chefredaktoren per Du ist und gerade ein Rettungspaket für die unter Auflagen- und Inseratenverlust leidenden Zeitungshäuser schnüren liess. In der Not wird der Blick milder. Die 32 Millionen Euro teure Hilfe kommt vor allem der Boulevardpresse und dem Privatfernsehen zugute.

Eine neue Erscheinung ist der Langmut mit den Regierenden wiederum nicht. Die Österreicher schimpfen leidenschaftlich über die Politik, offener Widerstand ist aber selten. Man vertraut den Behörden und will vieles nicht so genau wissen. Oft wird als Erklärung herangezogen, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Österreich nie erkämpft wurden. Die republikanische Verfassung ist das von aussen verordnete Ergebnis zweier verlorener Weltkriege. 

Zur Geschichte Österreichs gehört aber auch das Narrativ der «Insel der Seligen» – ein inoffizielles Staatsmotto, das vor gut einem halben Jahrhundert geprägt wurde. Wohlstand, hohe Beschäftigung und ein grosszügiger Sozialstaat sind das Produkt einer Konsensdemokratie, in der sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände hinter Tapetentüren über die Staatsgeschicke einigen. Der Preis der Bequemlichkeit ist fehlende Mitbestimmung. Auf der Insel der Seligen stellt man keine Fragen. Die Obrigkeiten wissen, was zu tun ist. Während der Corona-Krise gilt dieser Glaube mehr denn je.