Auf der Suche nach der verlorenen Freiheit

Der Künstler Hannes Gröblacher lässt Finger aus KirchenwÄnden wachsen und baut einen Irrgarten aus „Österreich“-Ausgaben.

In der Welt von gestern verbrachte Hannes Gröblacher viele Stunden am Tag mit Bleistift und Schreibblock in Wiener U-Bahnen. Der Villacher Künstler zeichnete Menschen. Männer, Frauen, Junge, Alte, Manager und Obdachlose. Drei Sekunden reichten Gröblacher, um mit wenigen Strichen einen Augenblick ihres Lebens einzufangen. Mit der Zeit kam die Übung. Er fixierte sein Gegenüber und zeichnete automatisch. Zwischen 2007 und 2010 entstanden an die 4.000 Skizzen von Menschen mit oder ohne Ziel: am Weg zur Arbeit, nach Hause, zu ihren Geliebten oder ins Nirgendwo.

Die Bilder zeigen Menschen, die Bücher lesen, eine Zeitung studieren oder vor sich hinblicken. Sie reagierten verblüfft, verärgert oder geschmeichelt darauf, dass sie von Gröblacher gezeichnet wurden. Mit manchen kam er ins Gespräch, es entstanden Bekanntschaften, Einladungen ins Café oder zu Parties. „Wenn man die Distanz überschreitet und in das Leben der Wiener tritt, ziehen sie erst eine Schnute. Aber dann erzählen sie einem ihr halbes Leben.“

Veröffentlicht in: Die Brücke, Mai 2020

Inzwischen sind seine Bilder Zeitdokumente. „Heute könnte ich unbeobachtet zeichnen. Die meisten würden es gar nicht mehr bemerken“, sagt Gröblacher. Die Motive wären austauschbar: Menschen, die in ihr Handy starren. „Sie nehmen alle dieselbe Körperhaltung ein. Was um sie herum geschieht, nehmen sie kaum wahr.“ Es brauchte keine Gesichtsmaskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr, um Gesichter gesichtsloser zu machen.

NIcht genug, dass die leute ihre einzigartigkeit opfern. es macht sie auch noch geil.

Der 43-jährige Gröblacher ist Landschaftsarchitekt und Künstler. Seine Ausdrucksformen sind vielfältig, thematisch beschäftigt er sich immer wieder mit Individualität und persönlicher Freiheit. Sein stärkstes Statement gegen die zunehmende Gleichschaltung in Zeiten der Digitalisierung war eine Installation in der Kirche von St. Jakob im Rosental. Im Inneren des Gotteshauses ließ Gröblacher einen riesigen Finger aus der Wand wachsen, der nicht zufällig auch an einen Phallus erinnerte. Der Finger stand für den dominierenden Körperteil des modernen Menschen, jenen, mit dem Handys und Tablets bedient werden. Der angedeutete Penis thematisierte die libidinöse Beziehung des digitalisierten Menschen zu seinen datenhungrigen Endgeräten. Nicht genug, dass die Leute ihre Einzigartigkeit opfern. Es macht sie auch noch geil.

Die Installation war das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem südkoreanischen Philosophen Byung-Chul Han. Der wortmächtige Kritiker algorithmengesteuerter Selbstoptimierung warnt davor, dass Freiheit am Ende bloß eine Episode gewesen sein könnte. „Nichts hat mir je so viel Angst gemacht wie dieser Satz“, sagt Gröblacher. „Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir unser Gefühl für Freiheit nicht verlieren.“ 

Die Umsetzung der Installation in St. Jakob im Rosental war eine Art Heimspiel für Gröblacher. Hier hatte er in seinen Jugendjahren erste Erfahrungen mit der Welt der Kunst gemacht. Als Teil der Theatergruppe teatr trotamora des Regisseurs Marjan Štikar habe er die Scheu abgebaut, sich im öffentlichen Raum zu exponieren. „Aber mein wichtigstes Ausdrucksmittel war immer das Zeichnen“, sagt Gröblacher. 

„Ein obdachloser hat uns aufgefordert, auf seinen körper zu treten. Er wollte wohl zeigen, dass er das aushält. dass er seine situation aushält.“

Hannes gröblacher

Also zog es ihn zum Studium der Landschaftsarchitektur nach Wien, wo er mit Gleichgesinnten am liebsten Stadtspaziergänge ohne scheinbares Ziel unternahm. „Man lässt sich treiben und versucht, Situationen herzustellen. Eine kleine Änderung der Wegroute kann völlig neue Blicke aufmachen“, erzählt Gröblacher. Die vielfältigen Begegnungen mit Fremden schärften den Blick auf seine Mitmenschen: „Im Alten AKH trafen wir auf zwei Obdachlose, die in einem Verschlag lebten. Einer der beiden hat sich auf den Boden gelegt und uns aufgefordert, auf seinen Körper zu steigen.“ Gröblacher machte mit, mit einem Gefühl Beklommenheit. „Er wollte uns wohl zeigen, dass er das aushält. Dass er seine Situation aushält. Dass er kein Schwächling ist.“ 

Nach dem Studium heuerte Gröblacher in verschiedenen Landschaftsarchitekturbüros an. Glücklich machte ihn das nicht. „Man verbringt viel Zeit im Büro vor dem Computer, in Meetings. Ich habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten. Wenn ich mich mit der Gestaltung eines Raumes beschäftige, dann muss ich diesen Raum erfahren und ihn nicht nur über Fotos oder Google Maps am Computer sehen.“ Er sei wohl, befand Gröblacher schließlich, nicht geeignet für das klassische Geschäft der Landschaftsarchitektur. „Wenn es zu lange dauert, breche ich aus.“ 

So kam es, dass er sich mehr und mehr mit temporären Kunstprojekten beschäftigte. Er gestaltete einen OBI-Baumarkt in der Wiener Triesterstraße mit einer ausgeklügelten Installation von Pflanzentrögen und Gießkannen. Für das Landscape Festival im tschechischen Ostrava machte er auf einer aufgelassenen Brücke durch Eisenbahnschwellen und Asphaltbruch die Veränderungsprozesse in der einstigen Metropole der Schwerindustrie sichtbar. Und für die niederösterreichische Gartenstadt Tulln errichtete er – zunächst ohne es zu wissen – einen ganz besonderen Kinderspielplatz. 

Gröblacher und seine „Österreich-Ziegel“. Foto: Johannes Hloch

Dabei wollte er eigentlich Medienkritik betreiben. Gröblacher leimte aus zehntausenden Ausgaben des Revolverblattes „Österreich“ Ziegel, mit denen er einen „Irrgarten“ errichtete: „Ein nutzloses Archiv als Antithese zum herrschenden Dogma permanenter Verfügbarkeit und doch präsent in seiner physischen Gestalt.“ Soweit die Theorie. Die minderjährigen Besucher des Tullner Wasserparks interessierten sich aber nicht die Bohne für den Grundstoff des Labyrinths: Ob das Papier von der New York Times oder von Österreich stammte, war ihnen einerlei. Sie sahen in dem Kunstwerk einen perfekten Ort zum Spielen und Kraxeln. Bald gab es Löcher im Gebälk, dafür wurden neue Stiegen errichtet und ein improvisiertes Kaffeehaus. „Sie haben sich das Kunstwerk angeeignet und zu einem Spielplatz gemacht“, sagt Gröblacher stolz. Was kann sich ein Freigeist Besseres wünschen?